Torstraße 1: Sybil Volks

Sybil Volks: Torstraße 1. 400 Seiten. Deutscher Tachenbuch Verlag. 2012.
Sybil Volks: Torstraße 1. 400 Seiten. Deutscher Tachenbuch Verlag. 2012.

1929 eröffnet im Osten Berlins das Kreditkaufhaus Jonass des jüdischen Kaufmanns Heinrich Grünberg, in dem sich auch die ärmeren Familien Berlins fast alle Wünsche erfüllen können, indem sie ein Viertel des Kaufpreises anzahlen und den Rest in Ratenzahlung begleichen. Bei der feierlichen Eröffnung wird die hochschwangere Angestellte Vicky Springer von den Wehen überfallen und bringt in der Poststelle des Kaufhauses ihre Tochter Elsa zur Welt. Niemand außer ihrer Freundin Elsie weiß, dass der Juniorchef des Kaufhauses, Harry Grünberg, der Vater ihres Kindes ist.
Bei der Geburt assistiert neben einer alten Frau auch der Zimmermann Wilhelm Glaser, der am Bau des Gebäudes beteiligt war und deshalb zur Feier eingeladen ist. Am selben Tag bringt seine Frau Martha ihren Sohn Bernhard zur Welt. Die ledige Vicky, deren Beziehung zu ihrem jüdischen Liebhaber geheim bleiben muss, findet einen „gewissen Familienanschluss“ an die Familie Glaser und die beiden gleichaltrigen Kinder wachsen zunächst fast wie Geschwister auf, bis sie durch die politischen Ereignisse auseinander gerissen werden, jedoch immer in Kontakt bleiben, so gut es unter den Umständen möglich ist.

Dem Kaufhaus Jonass steht eine wechselvolle Existenz bevor: nach der Enteignung der jüdischen Besitzer und deren Emigration nach Amerika bemächtigen sich die Nationalsozialisten des Gebäudes und bringen dort die Leitzentrale ihrer Hitlerjugend („Reichsjugendführung“) unter. Nach dem Krieg wird es als „Haus der Einheit“ als SED-Parteisitz genutzt,

ab 1959 beherbergt es außerdem das „Institut für Marxismus-Leninismus“. Jahre später, nach der Wende, steht es zunächst leer, bis es nach der Rückübertragung an die Erben und dem Wiederverkauf zum „Soho House Berlin“ wird.

Diese ganzen Entwicklungen verfolgt der Leser abwechselnd aus der Perspektive Elsas, die in Westberlin lebt, und Bernhards, der in der DDR als Journalist für die Zeitung „Neues Deutschland“ tätig ist und – zumindest zu Beginn – an die propagierten Ideale seines Landes glaubt. Sowohl Elsa als auch Bernhard gründen Familien, die im losen und zu DDR-Zeiten heimlichen Kontakt stehen, das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder steht exemplarisch für die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den beiden deutschen Staaten.

Sybil Volks, geb. 1965, lebt als freie Autorin und Lektorin in Berlin, unweit der Torstraße. Sie veröffentlichte zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte in Anthologien renommierter Verlage und erhielt mehrere Preise und Stipendien. Sie ist Mitglied der Mörderischen Schwestern, des Verbands deutschsprachiger Krimiautorinnen.
2012 erschien ihr zweiter Roman „Torstraße 1“ um zwei Familien und ein Haus im Herzen Berlins. Von Elke aus Bad Sobernheim: Öff. Bücherei Kulturhaus Synagoge

Dieses Buch kann in der Bücherei ausgliehen werden. Hier kannst du dich vormerken.

5 Antworten auf „Torstraße 1: Sybil Volks“

  1. Ich habe das Buch in Berlin gelesen, wo ich mich besuchsweise aufgehalten habe. Das war natürlich genau der richtige Hintergrund. Leider habe ich mich nicht aufraffen können, die Torstraße zu suchen – falls es sie tatsächlich gibt. Auf jeden Fall kann ich mich aufraffen, das Buch sehr zu empfehlen.
    Barbara

  2. Bin ich jetzt die 100.?
    Wieder so ein toller Buchtipp, dieses Buch würde ich auch gerne lesen. Da wir es aber noch nicht haben, kommt es auf die Bücherei-Wunschliste, ich hoffe, ich kann mich durchsetzen bei der Bestellung… Ein herzliches Dankeschön nach Bad Sobernheim für diese Besprechung!

    1. Jaaah, nu biste die 100.! Da kiekste wa!! Würde der Berliner sagen. Oder so ungefähr.
      Aber Spaß beiseite – Helene – du hast es dir verdient!!!
      Dafür bekommst du gleich in der Ausleihe einen Schulterklopfer von mir.

  3. Hallo Elke, danke für deine Buchrezension!! Eine tolle Empfehlung! Da kommt ein richtiges „Berlin – Heimweh – Gefühl“ bei mir auf. Aber auch eine riesige Leselust am besten gleich in die zwei Lebensgeschichten einzutauchen. Danke sehr – und willkommen im Blog!! Und ich freue mich besonders, dich als „Alter Blogger Hase“ hier zu haben. Bitte weiter wertvolle Tipps zu Buch und Blog! 😉 Liebe Grüße von Sibylle

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