Neujahr: Juli Zeh

Juli Zeh: Neujahr.  Luchterhand. 2018. fest geb. 190 S.

Lanzarote am Neujahrstag: Nach einem durchwachsenen Silvesterabend steigt Henning aufs Fahrrad, um sich von dem beklemmenden und beängstigenden Gefühl ständiger Überforderung abzulenken. In regelmäßigen Abständen befallen ihn regelrechte Panikattacken, deren Ursache er darin zu erkennen glaubt, dass er seine Rolle als Ehemann, Familienvater und Verlagsmitarbeiter nicht ausfülle.

Typisch für ihn, dass er auch in die Fahrradtour auf die Passhöhe nach Femés schlecht vorbereitet startet und er erreicht das Ziel am Rande seiner Kräfte. Nicht nur um sich etwas zu trinken zu erbitten, zieht es ihn auf dem Pass fast magisch in ein noch etwas höher gelegenes altes Gehöft. Als ihm die Besitzerin das Anwesen und einen tiefen Brunnen zeigt, übermannen ihn plötzlich Bilder, die ihm offenbaren, dass er hier schon einmal gewesen sein muss. Wie kann das sein?

Von hier an wird eine unglaublich mitreißende, spannend und hervorragend geschriebene Geschichte erzählt. Juli Zeh schafft es mit meisterhafter Psychologie, die Ängste des sechsjährigen Henning zu erzählen, der mit seiner kleinen Schwester tagelang allein auf dem Gehöft verbringen musste, weil die Eltern aus unerklärlichen Gründen verschwunden waren. Er begreift, dass die verdrängten Erlebnisse sein ganzes Leben beherrschen und muss sich endgültige Klarheit verschaffen.

Irmgard

Neu in unserem Bestand. Hier gehts zum Vormerken.

Der Buchladen der Florence Green

Der Buchladen der Florence Green. 2017
Spieldauer: 109 Minuten.
FSK 0

Die Witwe Florence Green eröffnet im Jahre 1959 in einem kleinen englischen Küstendorf eine Buchhandlung. Mutig stürzt sie sich in die Vorbereitungen und stattet ihren Buchladen liebevoll aus. Die Einwohner des kleinen Städtchens begegnen dem Vorhaben zunächst mit Skepsis, doch schon bald stellen sich erste Stammkunden ein. Bis jedoch Florence das gerade erschienenes Buch „Lolita“ verkauft, des bis dahin unbekannten Autors, Vladimir Nabokov,  ist der Ärger und die Aufregung groß.

Der köstliche englische Humor und die feinsinnigen Personenbeschreibungen machen diese Geschichte zu etwas Besonderem. So erzählt der Film sowie die Romanvorlage von Penelope Fitzgerald »Die Buchhandlung« aus dem Jahre 1978 ebenso auch eine Geschichte über das Scheitern und sie entlässt den Leser nicht so einfach in ein bequemes und absehbares Happy End.
Es lohnt sich, den Film in der Originalfassung mit Untertiteln anzusehen, um das herrliche Englisch zu genießen und der detailgenauen, der ländlichen Darstellung Englands in neuen ungewöhnlich schönen Bildern zu folgen.

Mit der Literaturverfilmung „Der Buchladen der Florence Green“ ist der Regisseurin Isabel Coixet eine Hommage ans Lesen, an gute Bücher und an die kleine, persönliche Buchhandlung gelungen.
Und egal, wie eine Geschichte ausgeht, jeder sollte an seine Träume glauben. Dass Florence mutig um ihre Buchhandlung kämpfen muss und ihr bereits der Bankangestellte am Anfang wenig Hoffnung auf ein florierendes Buchgeschäft macht, bildet damals wie auch heute die Situation des Buchhandels ab.

Sibi

Hier kannst du dich für das Buch „Die Buchhandlung“ von Penelope Fitzgerald vormerken.

„Der Buchladen der Florence Green“ kann ab der Weihnachtsbuchausstellung 08.12.2018 hier vorgemerkt werden.

Das Feld: Robert Seethaler

Robert Seethaler: Das Feld. Berlin: Hanser. fest geb. 239 S. 2018.

„Das Feld“ ist ein ungewöhnliches Buch.

Ein alter Mann sitzt wie fast jeden Tag auf einer Bank unter einer Birke auf dem ältesten, leicht verwahrlosten Teil des Friedhofs, das sogenannte „Feld“, und er blickt über die vielen Grabsteine hinweg. Er malt sich aus, was die Toten wohl erzählen würden, wenn sie sprechen könnten und fragt sich, ob sie überhaupt sprechen wollten.

Seethaler lässt sie sprechen und gibt den unterschiedlichsten Bewohnern einer unbedeutenden Stadt  einen Namen und eine Stimme. Die Toten erzählen kleine und große, bezeichnende und weniger wichtige, dramatische und ein bisschen romantische, ausführliche und knappe Geschichten aus ihrem Leben und malen so auch ein Bild ihrer Heimatstadt Paulstadt.

Wer eine unterhaltsame und üppige Stadtchronik erwartet, könnte enttäuscht werden. Manchmal lassen sich Fäden zwischen den erzählenden Toten verknüpfen, aber oft auch nicht, so dass das Bild von Paulstadt fragmentarisch bleibt. Aber wer sich auf Seethalers Episodentechnik einlässt, bekommt eine Idee davon, wie vielfältig das Leben ist: Im einzelnen und in der Summe. Für jeden einzelnen, der da auf dem Paulstädter Friedhof liegt, war es sein individuelles Leben und ob es glücklich oder weniger glücklich war: Jeder hatte nur dieses eine Leben und hat daraus gemacht, was er vermochte.

Ein Buch, das von Toten erzählt wird, bricht mit dem Tabu des Todes in unserem modernen Leben. Der Leser erfährt nicht, wie das Sterben ist, aber er bekommt die Gewissheit, dass jeder den Schritt auf die andere Seite des Lebens schaffen kann; schließlich muss er ihn ja auch schaffen! Keiner kann die Zeit und das Leben festhalten. Das kann man bedauern, das kann man aber auch getrost akzeptieren.

Irmgard

Jetzt auch in unserem Bestand.

Alle, außer mir: Francesca Melandri

Alle, außer mir: Francesca Melandri. Wagenbach.
608 Seiten. 2018

Ilaria lebt in Rom und arbeitet dort als Lehrerin. Sie hat ein enges Verhältnis zu ihrem Vater, der im 2. Weltkrieg Partisan war, jetzt jedoch dement. Nach seiner Scheidung von Ilarias Mutter heiratet er seine wesentlich jüngere Sekretärin, die ihn nun liebevoll pflegt. Der Vater hat jedem seiner vier Kinder eine Wohnung gekauft, in der Ilaria und ihr Halbbruder wohnt. Nie hat sie sich Gedanken gemacht, woher der Vater wohl so viel Geld hat. Doch plötzlich steht ein junger Flüchtling aus Äthiopien vor ihrer Tür und behauptet, ihr Neffe zu sein, von dem aber noch niemand in der ganzen Familie gehört hat.

So bleibt Ilaria nichts anderes übrig als sich mit der Vergangenheit ihres Vaters, der 1935 für Mussolini in Afrika war, zu beschäftigen. Schon bald muss sie feststellen, dass ihr Vater ein Faschist war. Ilaria geht tiefer in die italienische Geschichte und Melandri beschreibt anhand von historischen Fakten wie z.B. Italien Äthiopien kolonialisierte, seine Verbindungen zu Eritrea und was zum Abessinienkrieg führte.

Immer wieder kommt Melandri wieder zurück auf den äthiopischen Flüchtling und Neffen, Attilio, und somit auf die heutige Flüchtlingspolitik Italiens. Attilio beschreibt seine Erlebnisse auf der Flucht durch die Wüste, übers Meer bis nach Lampedusa und schließlich das Ausharren in den Flüchtlingslagern.

Ilaria, die sich immer als eine politisch korrekte Person verstanden hat – außer ihrer heimlichen Beziehung zu einem Abgeordneten der Berlusconi  Partei „Forza Italia“ – verzweifelt an dem Verhalten der Politiker den Flüchtlingen gegenüber und sie sieht keinen anderen Ausweg, als selbst Teil dieses Systems zu werden.

Das Buch „Alle, außer mir“ hat mich sehr an die Bücher von Elena Ferrante erinnert. Auch Francesca Melandri erzählt sehr spannend eine fiktive Familiengeschichte und verknüpft diese mit gut recherchierten historischen Ereignissen. Sie reichen von der Vergangenheit bis zur Politik der jetzigen Regierung.

Trotz einiger Längen ist das Buch durch die Familiengeschichte spannend und gleichzeitig historisch sehr interessant und informativ.

Sehr lesenswert!

Agnes

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Unter der Drachenwand: Arno Geiger

Geiger, Arno:
Unter der Drachenwand : Roman / Arno Geiger. – 1. Auflage. – München : Carl Hanser Verlag, 2018. – 480 Seiten

Das Buch spielt 1944 zum Ende des Zweiten Weltkrieges am Mondsee in Österreich.

Veit Kolbe ist als deutscher Soldat an der Ostfront verwundet worden. Durch eine Granate mittelschwer verletzt, kommt er zur Genesung an diesen vermeintlich idyllischen Ort. Er hat alles erlebt, was man als deutscher Soldat der Wehrmacht erleben kann, hat alle Verbrechen dieser Zeit gesehen und ist verwundert, dass er nach 5 Jahren an der Front noch immer am Leben ist.
Als ein Beschädigter, Pervitin und -Drogenabhängiger geht er zu seinem Onkel, der vor Ort Postenkommandant und als solcher in der Lage ist seinem Neffen ein Quartier zu beschaffen.

Veit ist froh davon gekommen zu sein und möchte so schnell nicht wieder eingezogen werden. Von da ab, dort am Mondsee entfaltet sich der Erzählraum unter der Drachenwand über Verschickte, Geflohene und Verwundete, die der Krieg irgendwie zusammen gebracht hat. Für Veit ist es ein Atemholen auf der Flucht.

Arno Geiger kommt seinen Figuren sehr nahe. Die Schilderung der Ängste, Schmerzen, der Verzweiflung aber auch der zarten Freude bringt sehr viel über die Menschen hervor. Als Leser erfährt und durchlebt man dies ähnlich.

Sibi

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Die Geschichte der Bienen: Maria Lunde

Maja Lunde: Die Geschichte der Bienen. Btb, 2015, fest geb. Aus dem Norwegischen

Absolut lesenswert und fesselnd! Kein Wunder, dass der Roman mit dem langweilig anmutenden Titel schon so lange auf den Bestsellerlisten steht.

Ein Roman in drei Erzählsträngen auf drei Zeitebenen: England 1852, Ohio/USA 2007 und China 2098. Alle verbindet die Geschichte der Bienen, deren ökologische Bedeutung durch die Geschichte Taos bewusst wird: Die junge Landarbeiterin Tao, die wie fast die gesamte Bevölkerung Chinas als Blütenbestäuberin arbeiten muss, verliert ihren Sohn durch ein unerklärliches Ereignis, das aber so herausragend ist, dass die Regierung ihr das Kind vorenthält. Sie begibt sich auf die scheinbar aussichtlose Suche. – Rund 90 Jahre vorher scheitert in den USA die Existenz des Imkers George, als ein seltsames, immer mehr um sich greifendes Verschwinden der Bienenvölker auch seine Bienen vernichtet. Kann sein Sohn Tom Georges Leben einen neuen Sinn geben? – Im England des 19. Jahrhunderts steckt der als Akademiker gescheiterte, in den Zwängen des Familienvaters von acht Kindern steckende William seine Energie und Hoffnung in die Entwicklung eines modernen Bienenstocks. Seine Tochter Charlotte ist die einzige in der Familie, die ihn versteht und unterstützt.

Dieser Roman lehrt den Leser, die Natur zu schätzen, ohne belehrend zu sein. Sehr zu empfehlen.

Irmgard

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Der geheime Himmel – Eine Geschichte aus Afganistan: Atia Abawi

Atia Abawi: Der geheime Himmel – Eine Geschichte aus Afghanistan, dtv-das junge Buch 2015, 338S.
Atia Abawi: Der geheime Himmel – Eine Geschichte aus Afghanistan. 338 Seiten, dtv-das junge Buch. 2015

Als Kind afghanischer Eltern wurde die Autorin 1982 in Deutschland geboren, wuchs in den USA auf, lebte und berichtete als Journalistin 5 Jahre aus Kabul und Afghanistan. Jetzt lebt sie in Jerusalem.

Die Protagonisten, die jugendliche Fatima und der 17 jährige Samiullah, haben schon von klein auf zusammen gespielt und waren beste Freunde. Jetzt, nachdem Sami die „madrasa“, die islamische Religionsschule, verlassen hat und zurückgekehrt ist, treffen sie sich wieder und stellen fest, dass zwischen ihnen nicht nur Freundschaft besteht, sondern sie beide viel mehr für einander empfinden. Da sie unterschiedlichen Stämmen angehören, ist diese Beziehung verboten. Rashid, Samis Cousin, kommt hinter diese Treffen und verrät die beiden. Eine Kette tragischer Ereignisse wird in Gang gesetzt. Fatima flieht mit Sami, in einem kleinen Bergdorf werden sie von einem alten Mullah getraut und sind auf der Flucht in eine Großstadt. Die Gruppe, der sich Rashid angeschlossen hat, verfolgt sie, überfällt die beiden Familien und verwüstet Haus und Einrichtung. Die kleine Schwester Fatimas wird getötet. Überall gibt es Spitzel, die die beiden Liebenden verraten. Mehr möchte ich zum Inhalt nicht erzählen.

Aufgrund ihrer Vorgeschichte gelingt es der Autorin, das Leben der Menschen, fernab von den großen Städten, sehr authentisch und detailliert zu beschreiben, aber auch den Ausbruch aus den Konventionen hautnah mitzuerleben. Die Charaktere werden sehr liebevoll und realistisch beschrieben. Zum Teil ist die Geschichte schockierend und geht unter die Haut. Fernab der islamistischen Welt bekommt man einen Einblick in das Leben von Frauen und mit welcher Brutalität talibannahe Gruppen in die Dörfer einfallen, ihre Macht ausüben und Menschen kontrollieren. Zentral ist die Frage nach der Herkunft und ob etwas, das zu einer Kultur gehört, deshalb auch richtig sein muss. Sollte die Liebe auf der ganzen Welt nicht Gottes Wille sein – unabhängig von der Religion?

Das Buch ist flüssig und leicht geschrieben, die Geschichte packend und es entwickelte sich bei mir ein Lesesog. Geschrieben ist es in der Ich-Perspektive der drei Hauptpersonen. Mir hat es gut gefallen.

Ich würde es jugendlichen Lesern ab 14 Jahren empfehlen und auch Erwachsenen.

Regina

„Der geheime Himmel“ ist leider noch nicht in unserem Bestand. Wenn du es lesen möchtest, werden wir es gerne über die Fernleihe für dich bestellen.

Himmelblau und Rabenschwarz: – Jolly Winston

Lolly Winston. Himmelblau und Rabenschwarz. Knaur. 461 S. 2006

Sophie Stanton (Mitte 30) hat nach nur 3 Ehejahren ihren Mann Ethan an Krebs verloren und versucht mit ihrer Trauer umzugehen. Sie will es nicht glauben, ist wütend, fühlt sich hilflos, als sie mit ihrem Arzt darüber redet, schickt er sie in eine Trauergruppe im Keller des Krankenhauses. In Gedanken ist Ethan noch bei ihr. In Rückblenden wird von ihrem gemeinsamen Leben erzählt. Dadurch versteht der Leser/die Leserin, auch ohne selber einen solchen Verlust erlebt zu haben, wie es für Sophie ist, das ihr Weggefährte ihr weggebrochen ist.

Ihr Vater und dessen Frau bemühen sich um Sophie, fahren sie zur Therapie und zur Trauergruppe. Einen alten Verlust, ihre Mutter starb, als sie 13 Jahre alt war, hat sie nie richtig verwunden, dazu der aktuelle, bringen sie jin eine depressive Phase. Eine alte Freundin überredet sie ihr Haus zu verkaufen und in deren Stadt neu anzufangen, auch mit einem neuen Job. Das ist auch bitter nötig, da ihre Firma mit ihrem Auftreten mit Plüschpantoffeln und Bademantel nicht so einverstanden ist. Trauern ist erlaubt, aber dann doch bitte zu Hause bleiben. Später  kümmert sich Sophie über eine Organisation für benachteiligte Kinder als „große Schwester /Patin“ für die 12. jährige Chrystal und gewinnt neue Einsichten.

Mir hat der Roman gefallen, trotz der traurigen Anfänge, es hat mir gezeigt, dass es besser ist im Hier und Jetzt zu leben, und achtsam miteinander umzugehen.

AsDa

Das Buch kann in der Bücherei ausgeliehen werden. Hier kannst du dich vormerken.