Der Distelfink: Donna Tartt

Donna Tartt: Der Distelfink. 1024 Seiten. Goldmann Verlag. 2014
Donna Tartt: Der Distelfink. 1024 Seiten. Goldmann Verlag. 2014

Die Handlung beginnt, als eine alleinerziehende Mutter mit ihrem Sohn das Metropolitan Museum besucht, um ihm berühmte Bilder niederländischer Meister zu zeigen, unter anderem das Bild „Der Distelfink“ des niederländischen Malers Fabritius. Es passiert ein Anschlag im Museum, ein terroristischer Anschlag, die ganze Abteilung bricht in sich zusammen, die Mutter stirbt dabei und der Sohn überlebt mit großem Glück und bekommt den Auftrag eines sterbenden alten Mannes, der auch in dem Museum mit seiner Enkeltochter war, er solle sich den Distelfinken unter den Arm nehmen und sich damit auf den Weg machen. Und so kommt es, dass Theo Decker der neue Besitzer von Fabritius Distelfinken wird.

Mit diesem Zusammenfall von Verlust und Raub beginnt der Roman, der als Rückblende erzählt wird.

Als die eigentliche Geschichte nun beginnt, ist Theo Decker 13 Jahre alt, ohne Mutter, sein Vater ein Säufer und Glücksspieler, der die Familie längst verlassen hat, es gibt sonst keine direkten Verwandten. Was wird nun aus ihm? Die Sozialbehörden kümmern sich, doch zum Glück findet sich ein Schulfreund, dessen Eltern reiche Anwohner der Park Avenue sind, die Familie Barbour. Dort zieht er ein.
Es taucht dann schon bald aus dem fernen Las Vegas der Vater mit neuer Lebensgefährtin auf und erhebt Anspruch auf den Sohn. Theo muss mit. In Las Vegas trifft er Boris, mit dem er sich anfreundet. Ein Junge aus der Ukraine, der mit seinem Workaholic-Vater unstet durch die Weltgeschichte reist. Ein Einzelkind wie Theo und wie er auch Halbwaise, beide einsam. Zu seinem Unglück jedoch beschleunigt Boris die Abnutzung von Theos Gewissen erheblich: Sie rauchen, klauen, trinken, werfen Tabletten ein und reden dabei, weil beide im Grunde kluge Jungen sind, die dem Wesen der Dinge auf den Grund gehen wollen, über die Bücher, die sie lesen. Doch immer mehr gerät er auf die schiefe Bahn. Flieht schließlich aus Las Vegas nach NY zurück und kommt bei dem sanften und schüchternen Hobie Hobart, dem Mitinhaber des Antiquitätengeschäfts „Hobart and Blackwell“, unter. So schließt sich der Kreis, denn Welty Blackwell ist der alte Mann aus dem Metropolitan. Hobie wird über die Jahre für Theo ein väterlicher Freund, der ihn in den Feinheiten der Möbelrestauration unterweist und an dem Theo später einen unschönen Verrat begehen wird…

Der Roman ist sehr anrührend, weil er den Verlust beschreibt, was der Verlust einer Mutter für einen 13 Jährigen bedeutet, wie dieser Verlust ihn sein Leben begleitet und wie er diesen Verlust verwindet. Das alles wird in ganz tollen und ergreifenden Bildern erzählt.
Auch ist der Roman soziologisch sehr spannend geschrieben, denn die unterschiedlichen Milieus in denen Theo aufwächst sind überzeugend und authentisch herausgearbeitet. Vor allem aber geht es um die verschwimmende Grenze zwischen guten Absichten und bösen Taten. Obwohl der Junge weiß, dass es Unrecht ist, wird er das Bild 14 Jahre lang verstecken. Und schlussendlich geht es um Identität: „Ein großes Leid und eines, das ich erst anfange zu verstehen: Wir können uns nicht aussuchen, wer wir sind.“

Der Distelfink ist im Stil geschrieben wie Dickens oder auch ein wenig wie Harry Potter. Nicht umsonst wird Theo von seinem Freund Boris „Potter“ gerufen. Es macht große Freude Donna Tartts Figuren zu folgen und auch ihrem Sprachwitz und dem großen Metaphernreichtum, den Verweisen auf die Literatur, den Schönheiten und der Liebe zur Kunst. Die Geschichte nimmt sich die Zeit über 1024 Seiten die Charaktere zu entwickeln. Man wird Teil der Gedankenwelt, begleitet sie, fühlt sich wie amputiert, als die letzte Seite gelesen ist…Von Sibylle

Dieses Buch kannst du in der Bücherei ausleihen. Hier kannst du dich vormerken.

Eine Antwort auf „Der Distelfink: Donna Tartt“

  1. Spannend ganz bestimmt zu lesen! – ein breit umfassendes Sujet mit einer Welt, die man als Normalbürger nicht unbedingt erlebt – aber nur spannend natürlich nur zum Teil bei weit über 1000 Seiten Umfang! Es wird eine Welt und ein Lebensumfeld geschildert, die unbedingt auf heutzutage zutrifft, die es früher noch nicht so gab, die aber absolut aktuell ist und von der man noch nicht so genau weiß, wohin sie uns alle einmal führen wird. Siggi

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