Auflaufend Wasser: A. Dehe, A. Engstler

Astrid Dehle / Achim Engstler: Auflaufend Wasser.113 Seiten. Novelle. Steidl Verlag. 2013
Astrid Dehle, Achim Engstler: Auflaufend Wasser. Novelle. 113 S. Steidl Verlag. 2013

Wer einmal die Nordsee mit ihren Ostfriesischen Inseln besucht hat, stößt irgendwann unweigerlich auf die tragische Geschichte des jungen Navigationsschülers Tjark Evers. So ist es auch mir ergangen, als ich vor über 30 Jahren auf Spiekeroog einen Ausflug ins Watt unternahm und sie mir erzählt wurde. Sie gehört zu den Geschichten, die mir auf immer fest im Gedächtnis geblieben sind.
Sie beginnt an einem frühen nebligen Wintermorgen, dem Tag vor Weihnachten im Jahre 1866, als sich der 20-jährigen Tjark Evers mit drei weiteren Männern in einem Ruderboot vom Festland zu den Inseln aufmacht. Er möchte seine Familie überraschen, die ihn eigentlich erst Neujahr erwartet. Nachdem der erste auf Langeoog abgesetzt ist, wird Baltrum angesteuert. Der Sprung auf gesicherten Inselboden gelingt jedoch nicht. Tjark Evers landet auf einer vorgelagerten Sandbank, die unerreichbar hunderte Meter weit entfernt vor Baltrum liegt. Mitten im immer dichter werdendem Nebel, steigt die Flut immer höher und Hilfe ist nicht da. Es bleiben ihm zum Abschiednehmen kurze geschriebene Zeilen und Sätze, die ihm Zuflucht gewesen sein könnten.

Nun hat das Autorenduo Astrid Dehle / Achim Engstler eine Novelle über diese wahre und unerhörte Begebenheit geschrieben. Es ist ihnen gelungen Tjark Evers Abschieds Sätze in sehr einfachen und präzisen Worten zu interpretieren und zwischen den Zeilen zu lesen. So ist ein kleines düsteres Gesamtkunstwerk zwischen Wirklichkeit und Illusion entstanden. Was Tjark Evers in seiner ausweglosen Situation, die er nicht mehr korrigieren kann empfunden haben könnte, das Überschreiten ins Totenreich und letztendlich das Meer als fremde Macht und den Nebel als existentielle Bedrohung anzuerkennen.

Wirklichkeit geblieben ist die Zigarrenschachtel in welche Tjark Evers seine Abschiedsworte legte und mit seinem Halstuch fest verschlossen hatte. Diese Kiste wurde kurze Zeit später als Strandgut gefunden. So kommt die Geschichte zu uns zurück und kann von dieser Begebenheit erzählen. Im Museum auf Baltrum ist sie zu finden. Von Sibylle

Dieses Buch kann in der Bücherei ausgeliehen werden. Hier kannst du dich vormerken.

4 Antworten auf „Auflaufend Wasser: A. Dehe, A. Engstler“

  1. Hallo Sibylle,
    für das Literaturwochenende im August habe ich das Buch jetzt noch einmal gelesen und bin wieder total begeistert. Ich wusste gar nicht mehr, dass ich nach dem 1. Lesen auch schon einen Kommentar geschickt hatte, aber diese kleine Novelle fasziniert mich so sehr, dass ich sie bestimmt noch einige Male lesen werde. Sie ist es wert!
    Irmgard (15-07-2014)

    1. Hallo Irmgard,
      danke, dass du an „Auflaufend Wasser“ erinnerst!
      Schön auch, dass dieses Buch für das Literaturwochenende ausgewählt wurde.
      Viele neue Gedanken und nachhaltige Gespräche wünsche ich dir und euch.
      Sibylle

  2. Hallo Sibylle,
    auch wenn es eigentlich traurig und tragisch ist mitzuerleben, wie jemand ausweglos von der steigenden Flut allmählich verschlungen wird – wer möchte sich schon vorstellen, wie es ist zu ertrinken? – finde ich das Buch sehr schön. Die Sprache ist sehr einfühlsam und bildhaft; ja – und ich spüre die Faszination der Unendlichkeit der See und des Himmels, auch wenn die See letztendlich mörderisch ist.
    Irmgard

    1. Hallo Irmgard, „Auflaufend Wasser“ ist aktuell auf der Evangelischen Buchpreis Empfehlungsliste 2014. So kann die Novelle von noch mehr Lesern entdeckt und gelesen werden. Ich habe mich darüber sehr gefreut. Grüße nach Oberwinter

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