Alle, außer mir: Francesca Melandri

Alle, außer mir: Francesca Melandri. Wagenbach.
608 Seiten. 2018

Ilaria lebt in Rom und arbeitet dort als Lehrerin. Sie hat ein enges Verhältnis zu ihrem Vater, der im 2. Weltkrieg Partisan war, jetzt jedoch dement. Nach seiner Scheidung von Ilarias Mutter heiratet er seine wesentlich jüngere Sekretärin, die ihn nun liebevoll pflegt. Der Vater hat jedem seiner vier Kinder eine Wohnung gekauft, in der Ilaria und ihr Halbbruder wohnt. Nie hat sie sich Gedanken gemacht, woher der Vater wohl so viel Geld hat. Doch plötzlich steht ein junger Flüchtling aus Äthiopien vor ihrer Tür und behauptet, ihr Neffe zu sein, von dem aber noch niemand in der ganzen Familie gehört hat.

So bleibt Ilaria nichts anderes übrig als sich mit der Vergangenheit ihres Vaters, der 1935 für Mussolini in Afrika war, zu beschäftigen. Schon bald muss sie feststellen, dass ihr Vater ein Faschist war. Ilaria geht tiefer in die italienische Geschichte und Melandri beschreibt anhand von historischen Fakten wie z.B. Italien Äthiopien kolonialisierte, seine Verbindungen zu Eritrea und was zum Abessinienkrieg führte.

Immer wieder kommt Melandri wieder zurück auf den äthiopischen Flüchtling und Neffen, Attilio, und somit auf die heutige Flüchtlingspolitik Italiens. Attilio beschreibt seine Erlebnisse auf der Flucht durch die Wüste, übers Meer bis nach Lampedusa und schließlich das Ausharren in den Flüchtlingslagern.

Ilaria, die sich immer als eine politisch korrekte Person verstanden hat – außer ihrer heimlichen Beziehung zu einem Abgeordneten der Berlusconi  Partei „Forza Italia“ – verzweifelt an dem Verhalten der Politiker den Flüchtlingen gegenüber und sie sieht keinen anderen Ausweg, als selbst Teil dieses Systems zu werden.

Das Buch „Alle, außer mir“ hat mich sehr an die Bücher von Elena Ferrante erinnert. Auch Francesca Melandri erzählt sehr spannend eine fiktive Familiengeschichte und verknüpft diese mit gut recherchierten historischen Ereignissen. Sie reichen von der Vergangenheit bis zur Politik der jetzigen Regierung.

Trotz einiger Längen ist das Buch durch die Familiengeschichte spannend und gleichzeitig historisch sehr interessant und informativ.

Sehr lesenswert!

Agnes

Hier kannst du dich vormerken.

Kolyma: Tom Rob Smith

Rob Smith: Kolyma. 480 Seiten. DUMONT Literatur und Kunst Verlag. 2009
Tom Rob Smith: Kolyma. 480 Seiten. DUMONT Literatur und Kunst Verlag. 2009

… verschollen, umgekommen, umgebracht, vermisst, vergessen, gefangen, heimgekehrt…

… nach langen Jahren der unmenschlichen, würdelosen Sklaverei in sowjetischen Arbeitslagern, verzweifelt, heimgekehrt und der eigenen Familie fremd geworden …

Um das zu begreifen, was unsere Väter, Großväter durchgemacht und durch Glück oder Zufall überlebt haben, sollte man diesen Thriller (was eigentlich eine Autobiographie jedes politischen Gefangenen, Aussiedler oder deutschen Gefangenen im großen, mächtigen, sowjetischen Russland ist) lesen.

Lesen, um verzeihen zu können, dass unsere Väter, Großväter uns fremd waren und – „anders“.
Von Bakediva

Dieser Thriller kann in der Bücherei ausgeliehen werden. „Kolyma“ kannst du hier vormerken.

Die Familie Willy Brandt: Torsten Körner

Torsten Körner. Die Familie Willy Brandt. 512 Seiten. Fischer. 2013
Torsten Körner. Die Familie Willy
Brandt. 512 Seiten. Fischer. 2013

Das Buch beschäftigt sich in der Hauptsache mit der Zeit, die Willy Brandt mit seiner zweiten Frau Rut und den Söhnen Peter, Lars und Matthias in Berlin und Bonn verbracht hat.
Es ist kein Enthüllungsbuch aber erhellend für die, die sich heute noch für die Brandts interessieren.
Das komplexe Familiengefüge besteht aus dem vorwiegend abwesenden Vater, der als fröhlich und herzlich geschilderten Mutter, die den „Laden“ zusammenhält und den Söhnen, für die diese Art von Leben zunächst normal ist. „Das Fernsehen kam ja nicht jeden Tag zu uns“ sagte einer der Söhne zum Autor, der sich sehr viel Mühe gegeben hat, Freunde, Wegbegleiter, Mitarbeiter und die Kinder Willy Brandts (aus erster Ehe hat Willy Brandt noch die Tochter Ninja) zu befragen.
Das Ergebnis dieser Interviews ist das Bild eines facettenreichen, vielschichtigen Mannes, der durch sein Auftreten in der Öffentlichkeit große Emotionen wecken konnte, privat aber Gefühle eher abwiegelte.
Rut und Willy Brandt, das glamouröse Paar der Fünfziger Jahre in Berlin und der Sechziger Jahre in Bonn, sind sich in den späten Ehejahren fremd geworden. Jeder war wohl zu Gesprächen über diese Erstarrung bereit, aber jeder zu einem anderen Zeitpunkt….

Ich empfehle das Buch unbedingt. Es führt noch mal in die Bonner Republik ohne nostalgische Brille. Von Barbara

Dieses Buch kann in der Bücherei ausgeliehen werden. Hier kannst du dich vormerken.

Die Moselreise: Hanns-Josef Ortheil

Hanns
Hanns-Josef Ortheil: Die Moselreise: Roman eines Kindes. 224 Seiten. Luchterhand. 2010

Literatursalon---Vorderseite1963 fährt der 11-jährige Ich- Erzähler zusammen mit seinem Vater mit der Eisenbahn von Köln nach Koblenz. Dort beginnt eine gemeinsame Wanderung entlang der Mosel.

Lediglich überarbeitet hat der Autor die originalen Tagebuchaufzeichnungen seiner Jugend und ergänzt mit eigenen Erinnerungen an eine zweite Moselreise, die er nach dem Tod seines Vaters 1980 unternommen hat. So verbindet der Kindheitsroman das Gestern mit dem Heute auf beeindruckende Weise. Durch die genaue Beschreibung wird der Leser in die Lage versetzt mitzuwandern und lässt erkennen, wie wichtig für den kleinen Jungen schon das Reisen, die Sprache und das Schreiben waren. Zugleich ist das Buch ein Dokument für eine innige und stimmige Vater-Sohn-Beziehung und gibt faszinierende Einblicke in die Geheimnisse jener frühsten, familiären Bindungen, die einen Menschen lebenslang prägen.

Die abschließende Betrachtung „Das Weiterleben der Moselreise“, in der Ortheil von seiner Art des Reisens berichtet und warum er in seinem Leben bestimmte Landschaften und Gegenden immer wieder aufsucht, zeigt auf, dass Reisen zu den Ur-Erfahrungen seines Lebens gehören. Er besitzt zwar mehrere Heimatstädte, steter Mittelpunkt ist jedoch immer wieder seine Geburts- und Kindheitsstadt Köln.

Die zweifache „Moselreise“ ist nicht nur eine autobiografische Reise des Autors, die beschreibt wie heilsam Musik und das Schreiben für den jungen Ortheil gewesen sind, es ist auch ein Aufbruch zu den Wurzeln seiner schriftstellerischen Anfänge.
Die „Moselreise“ setzt den vorangegangenen Roman „Die Erfindung des Lebens“ fort.
Von Sibylle

Diese beiden Medien können in der Bücherei ausgeliehen werden.
„Die Erfindung des Lebens“ kannst du hier vormerken.
„Die Moselreise“ kannt du hier vormerken.

Wenn ich dich umarme, hab keine Angst: Fluvio Ervas

Fluvio Ervas. Wenn ich dich umarme, hab keine Angst. 319 S. Diogenes. 2013
Fluvio Ervas. Wenn ich dich umarme, hab keine Angst. 319 S. Diogenes. 2013

Entdeckungsreise von Vater und autistischem Sohn, Liebesgeschichte, berührend, konsequent ehrlich.
Von klein auf gab es Therapien, eines Tages beschließt der Vater etwas anderes zu machen und plant diese Reise, die ihn näher zu seinem Sohn bringt.
Er fährt mit seinem 17 Jährigen autistischen Sohn Andrea mit dem Motorrad von Florida nach Kalifornien, weiter mit dem Auto von Mexiko nach Guatemala und durch Brasilien.
Andrea versucht sich Menschen nah zu fühlen indem er ihnen seine Hand auf den Bauch legt. Seine Eltern lassen T-Shirts bedrucken mit dem Satz: “Wenn ich dich umarme, hab keine Angst.“
Die beiden Reisenden treffen auf viele hilfsbereite Menschen, sie reden mit ihnen über ihr Leben und erfahren einiges über deren Alltag.
In der Mitte des Buches vermitteln Fotos einen Eindruck der Reisenden, etliche Wegbereiter sind dabei vertreten. Unter einigen Bildern sind Sätze, die das Leben aus der Sicht des Sohnes erklären.
Andrea kann über den Computer kommunizieren in ganzen Sätzen, er braucht die Hilfe einer Person, die ihn anleitet.

Vater: “Andrea erinnerst du dich, wie ich unterwegs mit dir über das Leben gesprochen habe?“
Andrea: “andrea hört was papa sagt ich versuche jeden tag meinen geist anzustrengen kämpfe aber umsonst bin verzweifelt über meinen autismus.“
Sieben Uhr morgens. Andrea ist schon auf und sprüht vor Energie. Der Computer war die ganze Nacht an.
Vater: „Wie war es für dich in New Orleans?
Andrea: “straßen voll musik durch die stadt großer fluss gute pommes frites.“

Ohne Eile brausen wir los. Kilometer um Kilometer schlucken wir den Raum, der Asphalt ist wie Schokolade. Mit der Kraft eines Jugendlichen hält er sich fest, aufgeregt und cool zugleich. Auf dem Motorrad stürmen wir Miami Beach …

Als Leserin habe ich überlegt, ob es von Vorteil ist, wenn man selber Kinder hat, oder ob dieses Detail unwichtig ist. Mein Ergebnis ist, dass jeder Leser es für sich klären kann. Wichtig finde ich, dass ich mich auf die Reise und die Beziehung zwischen Vater und Sohn einlasse, die Nähe nachempfinde. Eine Reise, die uns die Möglichkeiten des Lebens zeigt, sobald wir uns auf unsere eigene Fahrt aufmachen. Ich habe versucht die Reise zu genießen, zugleich abwechselnd die Dinge und Erlebnisse aus der Sicht des Vaters und des Sohnes zu sehen. Mein Fazit ist, dass der Autor das Wechselspiel gut wiedergegeben hat und die Beschreibung der Reise mich als Leser mitreis(s)t – schade, dass diese Fahrt nun ihr Ende hat.Von AsDa (Astrid)

Dieses Buch kann in der Bücherei ausgliehen werden. Hier kannst du dich vormerken.