Der lange Atem: Nina Jäckle

Nina Jäckle: Der lange Atem. Roman- Klöpfer & Meyer, Tübingen 2014; 170 S.
Nina Jäckle: Der lange Atem. Roman- Klöpfer & Meyer, Tübingen 2014; 170 S.

Wenn für ein Buch der Evangelische Buchpreis verliehen wird, handelt es sich um literarisch außergewöhnliche Bücher, die aber leider oft beim Publikum auf zu wenig Resonanz stoßen. Diesem behutsam erzählten, hervorragenden Roman wünsche ich sehr viele Leser!

„Der lange Atem“ spielt in der Nähe von Fukushima, eineinhalb Jahre nach der verheerenden Tsunami-Katastrophe. Der Ich-Erzähler, von Beruf eigentlich Phantomzeichner, lebt mit seiner Frau in der Nähe seines zerstörten Hauses. Tag für Tag geht er gewissenhaft der Aufgabe nach, die Gesichter Verschollener anhand von Fotos nichtidentifizierter Toter zu rekonstruieren. Auch das Gesicht der kleinen Nachbarstochter Aoko muss er zeichnen. Wie wichtig es für die Hinterbliebenen ist, dass die Toten Namen bekommen, zeigt sich an den Begegnungen mit der jungen Frau, die ihn bedrängt, ihren Bruder zu zeichnen, damit ihre Mutter in Frieden sterben und sie selbst leben kann.

Doch für die Überlebenden offenbart sich in allem, was sie jetzt sehen und wie sie jetzt leben, dass nichts mehr ist wie es war. Sei es das Meer, die Landschaft, das Spiel der Kinder, die Menschen im Umgang miteinander. Ein Neuanfang kann es immer nur auf den Ruinen des alten Lebens geben. Für die Frau des Zeichners ist dies keine Option; sie verlässt ihren Mann und den mit unerträglichen Erinnerungen gesättigten Ort für immer. Ihm bleibt das „Platzhalter-Fotoalbum“, in das er seine nun gezeichneten Erinnerungen klebt.

Ein bewegender Roman, leise erzählt, in Bildern, die die unverheilten Wunden der japanischen Seele nach dem 11. März 2013 einfühlsam widerspiegeln.

Irmgard

Der Roman ist in der Bücherei ausleihbar. Hier kannst du dich vormerken.

Der Grund: Anne von Canal

Anne von Canal: Der Grund. - Mare Verlag, 3. Aufl. 2014; 272 S.
Anne von Canal: Der Grund. – Mare Verlag, 3. Aufl. 2014; 272 S.

„Mayday, mayday!“ Mit dem Notruf von der sinkenden Estonia beginnt dieses sehr lesenswerte Erstlingswerk einer jungen Autorin und Skandinavienkennerin.

Laurits Simonsen ist im Aufbruch zu einem mehrwöchigen Engagement als Pianist an Bord eines Luxuskreuzers, als ihm seine Freundin eröffnet, dass sie schwanger ist. Von dieser Tatsache überrumpelt, stellt er sein bisheriges Leben auf den Prüf-stand. Kann er noch einmal in einer festen Beziehung mit Kind eine Heimat finden und glücklich sein? Denn in seinem Leben hat es schon einige radikale Brüche gegeben, weil er in Extremsituationen nicht zu Kompromisslösungen fähig oder willens war, auch wenn er sich selbst damit am meisten verletzt hat.

Es ist anregend und auf hohem Niveau unterhaltsam, dem Protagonisten auf den Stationen seines Lebens als einziger Sohn eines dominanten und ehrgeizigen Vaters sowie einer schwachen Mutter, als gescheiterter Pianist, als engagierter Gynäkologe, als liebender Ehemann und als verwaister Vater zu folgen.

So wie sich das Motiv des Schiffes mehrdeutig durch den Roman zieht, ist auch sein Titel „Der Grund“ vieldeutig. Es gibt gute Gründe, dieses Buch zu lesen!

Irmgard

Dieser Roman ist in der Bücherei ausleihbar. Hier kannst du dich vormerken.

Nacht ist der Tag: Peter Stamm

Peter Stamm: Nacht ist der Tag.
Peter Stamm: Nacht ist der Tag. 256 Seiten. S. Fischer. 2013

Die 39-jährige Gillian, erfolgreiche Fernsehmoderatorin, erwacht nach einem Unfall im Krankenhaus mit einem klaffenden Loch mitten im Gesicht. Ihr Mann, der Fahrer des Wagens, ist bei dem Unfall ums Leben gekommen. Ihr ist schnell klar, dass sie ihr altes, „stylisches“ Leben nicht einfach wieder aufnehmen kann.
Rückblickend erzählt Gillian von ihrer äußerlich glamourösen, jedoch nicht ganz so glücklichen Ehe mit einem Journalisten und welchen Streit die Eheleute an dem Abend des Unfalls hatten. Gillian, die bei einer Sendung einen aufstrebenden Fotokünstler kennengelernt hatte, fühlt sich von diesem Mann angezogen und bringt ihn dazu, sie nackt zu fotografieren. Genau diese Fotos findet Gillians eifersüchtiger Ehemann und es folgt der Streit zwischen den Eheleuten.
Im zweiten Kapitel des Buches, sechs Jahre später, wechselt die Perspektive zu Hubert, dem Fotokünstler, Professor an der Kunsthochschule, der seit Jahren in einem Tief steckt, künstlerisch wie privat. Von einem befreundeten Galeristen bekommt er das Angebot für eine Vernissage in einem Kulturzentrum in einem abgelegenen Engadiner Bergdorf. Er sagt zu und fährt hin, hat allerdings keine aktuellen Werke und ihm fehlt die Inspiration für etwas Neues. Hier in diesem Bergdorf trifft er Gillian, die sich inzwischen Jill nennt, wieder. Ihr Gesicht ist zum größten Teil wieder hergestellt und sie arbeitet dort als Entertainmentchefin in einem Clubhotel.
Hubert und Jill kommen sich näher, auch körperlich. Trotzdem kommt es ein weiteres Mal zu einem Bruch und jeder für sich kehrt aus der Abgeschiedenheit des Bergdorfes wieder ins Leben zurück.

Ein fesselnder, flüssig geschriebener Roman, in einer eher nüchternen, distanzierten Sprache. Von Helene

Dieses Buch kann in der Bücherei ausgeliehen werden. Hier kannst du dich vormerken

Als das Leben überraschend zu Besuch kam: Caroline Vermalle

Caroline Ver
Caroline Vermalle: Als das Leben zu Besuch kam. 288 Seiten. Lübbe. 2012

Jacqueline ist 73 Jahre alt und hat das Gefühl, nicht ihr Leben so gelebt zu haben, wie sie es eigentlich wollte. Deshalb verlässt sie ihren Mann Marcel von einem Tag auf den anderen, ohne sich von ihm zu verabschieden. Sie fährt zu ihrer 80jährigen Cousine Nane, die auf der Ile d’Yeu in der Bretagne lebt. Die Beiden haben Ihre Kindheit gemeinsam verbracht, sich aber inzwischen über 50 Jahre weder gesehen noch gesprochen. Hier auf der Insel möchte Jacqueline einen Neuanfang machen, auch wenn ihr bewusst ist, dass ihr nicht mehr viel Zeit bleibt.

Caroline Vermalle hat eine sehr ruhige Geschichte geschrieben, in der es darum geht, dass man sein Leben selbst in die Hand nehmen muss und nicht immer auf einen günstigen Zeitpunkt warten darf, um etwas zu verändern.

Die Autorin lässt Schmetterlinge und bretonische Winde von den Erlebnissen und Gedanken ihrer Protagonisten berichten. Für mich hat die Geschichte dadurch teilweise märchenhafte Züge, was meiner Meinung nach nicht so sehr zu ihrer Thematik passt. Liest man jedoch das Ende der Geschichte, das sehr überraschend kommt und vollkommen anders ist als man erwartet, ist diese ungewöhnliche Perspektive eher nachvollziehbar.

Das Buch liest sich sehr flüssig und die Beschreibungen der schönen Natur in der Bretagne halten Erinnerungen an Sommer, Wind und Meer wach. Von Agnes

Dieses Buch kann in der Bücherei ausgeliehen werden. Hier kannst du dich vormerken.