Unter der Drachenwand: Arno Geiger

Geiger, Arno:
Unter der Drachenwand : Roman / Arno Geiger. – 1. Auflage. – München : Carl Hanser Verlag, 2018. – 480 Seiten

Das Buch spielt 1944 zum Ende des Zweiten Weltkrieges am Mondsee in Österreich.

Veit Kolbe ist als deutscher Soldat an der Ostfront verwundet worden. Durch eine Granate mittelschwer verletzt, kommt er zur Genesung an diesen vermeintlich idyllischen Ort. Er hat alles erlebt, was man als deutscher Soldat der Wehrmacht erleben kann, hat alle Verbrechen dieser Zeit gesehen und ist verwundert, dass er nach 5 Jahren an der Front noch immer am Leben ist.
Als ein Beschädigter, Pervitin und -Drogenabhängiger geht er zu seinem Onkel, der vor Ort Postenkommandant und als solcher in der Lage ist seinem Neffen ein Quartier zu beschaffen.

Veit ist froh davon gekommen zu sein und möchte so schnell nicht wieder eingezogen werden. Von da ab, dort am Mondsee entfaltet sich der Erzählraum unter der Drachenwand über Verschickte, Geflohene und Verwundete, die der Krieg irgendwie zusammen gebracht hat. Für Veit ist es ein Atemholen auf der Flucht.

Arno Geiger kommt seinen Figuren sehr nahe. Die Schilderung der Ängste, Schmerzen, der Verzweiflung aber auch der zarten Freude bringt sehr viel über die Menschen hervor. Als Leser erfährt und durchlebt man dies ähnlich.

Sibi

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Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg: Nikolaus Nützel

Nikolaus Nützel: Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg. Was der Erste Weltkrieg mit uns zu tun hat. 144 S. arsEdition. 2013
Nikolaus Nützel: Mein Opa, sein Holzbein und der Große Krieg. Was der Erste Weltkrieg mit uns zu tun hat. 144 S. arsEdition. 2013

Dieses Buch erzählt aus dem Ersten Weltkrieg. Zum Beispiel, wie die ersten Panzer gebaut wurden oder es gibt Tabellen, die die Ausmaße der Verstümmelten und Toten in den betroffenen Ländern zeigt. Es werden viele Originale Schwarz-Weiß Bilder verwendet, die gut zu den Themen passen und mit denen man sich einen besseren Einblick verschaffen kann. Nebenher schreibt der Autor über seinen Großvater, wie der durch diese Zeit gekommen ist, der wahrscheinlich im Krieg gestorben wäre, wenn ihm nicht schon zu Kriegsbeginn eine Granate ein Bein zerrissen hätte.

Ich habe das Buch, das eigentlich ein gutes Sachbuch ist, nicht nach der Kapitel Reihenfolge gelesen. Es ist ein sehr gutes Buch, das mir Zusammenhänge über den Ersten Weltkrieg näher erklärt hat, denn Vieles war neu für mich.

Ich kann es auf jeden Fall allen Interessierten jeder Altersgruppe ab 12 Jahren weiterempfehlen… Von einem Lesesommerteilnehmer

Dieses Buch kann in der Bücherei ausgeliehen werden. Hier kannst du dich vormerken.

Zwischenspiel: Monika Maron

192 Seiten Monika Maron: Zwischenspiel. 192 S. S. Fischer. 2013
Monika Maron: Zwischenspiel. 192 S. S. Fischer. 2013

Wenn die Toten noch einmal mit uns sprechen könnten – klärt sich dann manches auf, was sonst für immer im Dunkeln bliebe?

Wie viel Klarheit wollen die Lebenden denn wirklich?

Monika Maron gelingt mit „Zwischenspiel“ eine abgeklärte und süffisante Zwischenbilanz mit erstaunlichen Ergebnissen.

Als Ruth am Tag von Olgas Begräbnis erwacht, verschwimmen plötzlich die Buchstaben vor ihren Augen. Schaut sie zum Himmel, kommt er ihr anders vor als sonst. Etwas an ihrer Wahrnehmung hat sich verändert.
Ruth erscheinen Tote und Lebende, sie erlebt ein Selbstgespräch in Szenen und Bildern, in dem Vergangenheit und Gegenwart miteinander und durcheinander stattfinden.
Das Hauptereignis des Tages, mit dem die Geschichte beginnt, ist natürlich Olgas Beerdigung – ihr Tod ist der Auslöser für Ruths Erschütterung. Es gibt Hinwiese auf Besonderheiten: Ruth verfährt sich auf dem Weg zu Friedhof, obwohl sie sich in ihrem gewohnten Viertel bewegt. Erschöpft  gerät sie abseits in einen ihr unbekannten Park. Die Beerdigung hat inzwischen längst begonnen.
Sie gibt es auf, dort noch teilzunehmen und ruht sich auf einer Parkbank aus.
In einer Mischung aus Trauer, Erschöpfung, Enttäuschung, aber auch Wohlbefinden erfährt Ruth in einem Tagtraum, wie die Vergangenheit wieder gegenwärtig wird.
Ihr Selbstgespräch wird erweitert durch Szenen und Bilder, die für sie real werden: Die Toten setzen sich zu ihr auf die Bank und sprechen mit ihr. Unter ihnen auch Olga, die gerade Verstorbene.

Der Rahmen dieser Geschichte spiegelt die Situation von Schriftstellern in der DDR aus jener Zeit wieder, in der ein Wechsel in den Westen noch möglich war.
Hier Treue, Solidarität und vom Staat bedrohte Verleger, dort im kapitalistischen Westen schnelle Akzeptanz, Geld und Ruhm. Wofür sich entscheiden, wo kann man leben, ohne schuldig zu werden?

„Schuld bleibt immer, so oder so!“ sagt Olga, die gerade Verstorbene.

Monika Maron, die diese Situation aus eigener Erfahrung gut kennt, erzählt von diesem Dilemma mit kluger Distanz und Humor: Es tauchen z.B. auch wundersame Geister auf wie das alte Ehepaar Margot und Erich Honneker. Die Honnekers weinen der guten alten DDR nach und wüten gegen den „konterrevolutionären Mob“, der sie verjagt hat.

Das Buch steht auf der Nominierungsliste für den Evangelischen Buchpreis 2014.
Von Birgit Krankenhausbücherei der Ev. Krankenhausgemeinschaft Herne/Castrop-Rauxel

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Die Familie Willy Brandt: Torsten Körner

Torsten Körner. Die Familie Willy Brandt. 512 Seiten. Fischer. 2013
Torsten Körner. Die Familie Willy
Brandt. 512 Seiten. Fischer. 2013

Das Buch beschäftigt sich in der Hauptsache mit der Zeit, die Willy Brandt mit seiner zweiten Frau Rut und den Söhnen Peter, Lars und Matthias in Berlin und Bonn verbracht hat.
Es ist kein Enthüllungsbuch aber erhellend für die, die sich heute noch für die Brandts interessieren.
Das komplexe Familiengefüge besteht aus dem vorwiegend abwesenden Vater, der als fröhlich und herzlich geschilderten Mutter, die den „Laden“ zusammenhält und den Söhnen, für die diese Art von Leben zunächst normal ist. „Das Fernsehen kam ja nicht jeden Tag zu uns“ sagte einer der Söhne zum Autor, der sich sehr viel Mühe gegeben hat, Freunde, Wegbegleiter, Mitarbeiter und die Kinder Willy Brandts (aus erster Ehe hat Willy Brandt noch die Tochter Ninja) zu befragen.
Das Ergebnis dieser Interviews ist das Bild eines facettenreichen, vielschichtigen Mannes, der durch sein Auftreten in der Öffentlichkeit große Emotionen wecken konnte, privat aber Gefühle eher abwiegelte.
Rut und Willy Brandt, das glamouröse Paar der Fünfziger Jahre in Berlin und der Sechziger Jahre in Bonn, sind sich in den späten Ehejahren fremd geworden. Jeder war wohl zu Gesprächen über diese Erstarrung bereit, aber jeder zu einem anderen Zeitpunkt….

Ich empfehle das Buch unbedingt. Es führt noch mal in die Bonner Republik ohne nostalgische Brille. Von Barbara

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Alle Zeit: Kathrin Gerlof

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Kathrin Gerlof. Alle Zeit. 229 Seiten. Aufbau-Verlag. 2009

Ein Roman über Geburt und Altwerden, über Vergessen und nicht vergessen können.

Eine traurige Geschichte,
aber gut geschrieben.

Ein Buch zum „Drübernachdenken“
Von der Holländerin

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Torstraße 1: Sybil Volks

Sybil Volks: Torstraße 1. 400 Seiten. Deutscher Tachenbuch Verlag. 2012.
Sybil Volks: Torstraße 1. 400 Seiten. Deutscher Tachenbuch Verlag. 2012.

1929 eröffnet im Osten Berlins das Kreditkaufhaus Jonass des jüdischen Kaufmanns Heinrich Grünberg, in dem sich auch die ärmeren Familien Berlins fast alle Wünsche erfüllen können, indem sie ein Viertel des Kaufpreises anzahlen und den Rest in Ratenzahlung begleichen. Bei der feierlichen Eröffnung wird die hochschwangere Angestellte Vicky Springer von den Wehen überfallen und bringt in der Poststelle des Kaufhauses ihre Tochter Elsa zur Welt. Niemand außer ihrer Freundin Elsie weiß, dass der Juniorchef des Kaufhauses, Harry Grünberg, der Vater ihres Kindes ist.
Bei der Geburt assistiert neben einer alten Frau auch der Zimmermann Wilhelm Glaser, der am Bau des Gebäudes beteiligt war und deshalb zur Feier eingeladen ist. Am selben Tag bringt seine Frau Martha ihren Sohn Bernhard zur Welt. Die ledige Vicky, deren Beziehung zu ihrem jüdischen Liebhaber geheim bleiben muss, findet einen „gewissen Familienanschluss“ an die Familie Glaser und die beiden gleichaltrigen Kinder wachsen zunächst fast wie Geschwister auf, bis sie durch die politischen Ereignisse auseinander gerissen werden, jedoch immer in Kontakt bleiben, so gut es unter den Umständen möglich ist.

Dem Kaufhaus Jonass steht eine wechselvolle Existenz bevor: nach der Enteignung der jüdischen Besitzer und deren Emigration nach Amerika bemächtigen sich die Nationalsozialisten des Gebäudes und bringen dort die Leitzentrale ihrer Hitlerjugend („Reichsjugendführung“) unter. Nach dem Krieg wird es als „Haus der Einheit“ als SED-Parteisitz genutzt,

ab 1959 beherbergt es außerdem das „Institut für Marxismus-Leninismus“. Jahre später, nach der Wende, steht es zunächst leer, bis es nach der Rückübertragung an die Erben und dem Wiederverkauf zum „Soho House Berlin“ wird.

Diese ganzen Entwicklungen verfolgt der Leser abwechselnd aus der Perspektive Elsas, die in Westberlin lebt, und Bernhards, der in der DDR als Journalist für die Zeitung „Neues Deutschland“ tätig ist und – zumindest zu Beginn – an die propagierten Ideale seines Landes glaubt. Sowohl Elsa als auch Bernhard gründen Familien, die im losen und zu DDR-Zeiten heimlichen Kontakt stehen, das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder steht exemplarisch für die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den beiden deutschen Staaten.

Sybil Volks, geb. 1965, lebt als freie Autorin und Lektorin in Berlin, unweit der Torstraße. Sie veröffentlichte zahlreiche Kurzgeschichten und Gedichte in Anthologien renommierter Verlage und erhielt mehrere Preise und Stipendien. Sie ist Mitglied der Mörderischen Schwestern, des Verbands deutschsprachiger Krimiautorinnen.
2012 erschien ihr zweiter Roman „Torstraße 1“ um zwei Familien und ein Haus im Herzen Berlins. Von Elke aus Bad Sobernheim: Öff. Bücherei Kulturhaus Synagoge

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1913: Florian Illies

Florian Illies. 1913 - Der Sommer des Jahrhunderts. 320 Seiten. Fischer. 2012
Florian Illies. 1913 Der Sommer des Jahrhunderts. 320 Seiten. Fischer. 2012

Florian Illies erstellt in seinem Buch ein kunstvolles Mosaik des Jahres 1913.
Er beschreibt die Welt im Umbruch, die Künstler und Kunstwerke des Jahres 1913, die Geschichte machten.
In diesem Jahr werden die Malerei und die Musik ins Extreme gesteigert.
In den Metropolen Europas begegnen wir vielen Künstlern, die mit ihren Werken unsere Kunstwelt prägten. Wir treffen Rilke, ewig zaudernd. Freud, der zunehmend depressiv wird. Proust, eingeschlossen in seinen Erinnerungen „ Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Kafka, der einen 22 Seiten langen Heiratsantrag verfasst, um auf seine Leiden und Fehler hinzuweisen. Die Liebesgeschichte von Alma Mahler und Oskar Kokoschka wird erzählt, wie auch die Erfindung des Jazz durch Louis Armstrong.

Das Buch enthält ein buntes Panorama an Begebenheiten und Anekdoten aus der Welt der Kunst und unterhält nicht zuletzt durch die Mutmaßungen des Autors.
Aus heutiger Sicht spürt man etwas Bedrohliches oder assoziiert den Zerfall und die Extreme mit Zerstörung und Krieg. Leider wurde auf die Beschreibung der Lebenssituation der Arbeiterschaft verzichtet auch die Politik und die sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen finden keinen Eingang.
Das Buch ist trotz dieser Schwäche sehr unterhaltend und weckt das Interesse an den Kunstwerken der Protagonisten.
Es erzählt in unterhaltsamer weise die Entwicklung der Kunst des Jahres 1913 aus europäischer Sicht und die gegenseitige Einflussnahme von Literatur, Malerei und  Musik.
Von Diana aus Bad Sobernheim: Öff. Bücherei Kulturhaus Synagoge

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Suna: Pia Ziefle

Pia Ziefle. Suna. 312 S. Ullstein. 2012.
Pia Ziefle. Suna. 312 S. Ullstein. 2012.

Ein aktueller europäischer Familienroman in dem eine junge Mutter nach den Spuren ihrer Herkunft sucht.
Bewusst hat sich Luisa mit ihrer noch jungen Familie im dörflichen Berliner Umland in einem alten Haus mit Gemüsegarten niedergelassen. Trotz selbstgewählter Idylle kommt sie nicht zur Ruhe, muss sie doch ihre kleine Tochter Kizim, die niemals in den Schlaf findet, nächtelang wach durch die Räume tragen. Schließlich nimmt sie den Rat eines befreundeten Arztes an, auf die Zeichen ihrer Tochter einzugehen. Denn bevor Kizim Wurzeln schlagen kann, muss Luisa erst ihre eigenen finden. In den nun folgenden sieben Nächten erzählt Luisa ihrer Tochter von den Menschen, die ihr Leben im Schmerz aber auch in Liebe berührten, von der serbischen Mutter Julka, dem türkischen Vater Kamil und den deutschen Adoptiveltern Johannes und Magdalena.

In einer außergewöhnlich schönen und gewandten Sprache verwebt Pia Ziefle gekonnt die sich zunächst fremden familiären Lebensläufe und versöhnt Luisa schließlich mit der Herkunft ihrer Eltern.
Suna vermag von der ersten Seite an zu fesseln, die  Geschichte ist spannend und emotional geschrieben.
Ein Stück deutsche und auch europäische Vergangenheit wird lebendig und regt aktuell zum Nachdenken an, denn so mancher hier im Land wird die eigene Geschichte wiederfinden, sind wir doch längst ein Einwanderungsland.
Von Sibylle

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